Kunst ist Treibstoff fürs Gehirn

KUNST IST TREIBSTOFF FÜRS GEHIRN


 Für die erste Abend Veranstaltung des Hochwaldlabor.Institut konnten wir Prof. Gerald Hüther von der Uni Göttingen gewinnen. Unter dem Titel, KUNST IST TREIBSTOFF FÜRS GEHIRN diskutierten, der Gastgeber, Gert Gschwendtner mit Prof. Hüther die Zusammenhänge aus Kunst und Hirnforschung. Der folgende Text gibt, in gekürzter Form die Diskussion zwischen Gert Gschwendtner (GG) und Gerald Hüther (HG) wieder. Das Zwiegespräch eröffnete der Gastgeber GG, der mit einem knappen Erklärung zum Begriff Kunst in das Gespräch einsteigt.

Prof. Gerald Hüther und Gert Gschwendtner im Gespräch

GG: Der Begriff Kunst ist wird von Enziklopädisten aus dem 18. Jahrhundert wie folgt verstanden: Kunst ist ein Beitrag zum öffentlichen philosophischen Diskurs. Mit Marcel Duchamp ändert sich diese Definition, 1924 meinte er folgendes: Das Malen für die Retina ist geschehen, es gibt nichts mehr hinzuzufügen. Ab jetzt ist es sinnvoll für die Hirnhäute Kunst zu machen; die Maler sollten auf den Hirnhäuten der Betrachter direkt malen. Dies wird als die Geburtsstunde der Konzeptkunst angesehen, einer Kunstgattung, die die eigentliche Charakteristik von Kunst herauspräpariert und sich mit den weitverzweigten und komplexen Prozessen des Denkens beschäftigt G.G.: wir können heute zusammen ein Konzeptkunststück veranstalten, indem wir versuchen die Wortbeiträge, von Gerald Hüther und mir, zu einer Gedankenarchitektur zusammen zu bauen. Kunst beschäftigt sich mit philosophischen Utopien und entwickelt Bilder dafür, die Visionen. Diese sind die für das friedliche Zusammenleben notwendigen Beurteilungen, Abschätzungen und konsequenten Gedankengänge, also Philosophien. Immer weniger Menschen interessieren sich für diese Visionen und Utopien, sind wir also bereits alle glücklich und zufrieden?

G.H. das merkt jeder, der nicht nur nach Japan schaut, dass das nicht der Fall ist. In Deutschland gehen 40% der Schulkinder mit Angst in die Schule. In den Grundschulen herrscht ein so großer Druck, dass die Kinder nicht mehr zur Schule gehen wollen. In Seniorenheime werden Menschen untergebracht unter Bedingungen, die einer modernen Gesellschaft unwürdig sind. Wir haben Politiker, die nicht mehr wissen, wie sie politisch gestalten sollen, weil sie kein Geld haben um irgendwas zu gestalten. Sie verwalten sozusagen ein zu kurzgewordenes Tischtuch und ziehen das zur Seite, jeder wie er gerade kann, um es an der jeweils anderen Seite wieder zu kurz zu machen. Wir leben also in einer Welt, in der es schwierig geworden ist zusammen zu leben und wo eines offenbar passieren muss, ob wir das nun gerne machen oder nicht, das Umdenken. Wir müssen anfangen umzudenken. Wir müssen versuchen nochmals die Kurve zu kriegen – im Hirn.

Das ist es was wir heute mit Ihnen gemeinsam überlegen wollen – wie man im Hirn die Kurve kriegt. Wie man aus den alten behindernden Denkmustern, aus den alten Vorstellungen, die man im Lauf des Lebens sich so angeeignet hat herauskommt. Wie man die Muster die im Frontalhirn verankert wurden kritisch und verändernd begegnet. Wir wollen überlegen, wie man noch einmal zu dem wird, was wir als Kinder schon einmal gewesen sind: zu einem begeisterten Entdecker und Gestalter all dessen, was es in der Welt noch zu entdecken und zu gestalten gibt. Da gibt es noch viel zu tun. Und Kunst – da bin ich so glücklich, dass wir dieses Zwiegespräch hier führen können, wo wir in Gedanken immer auch Sie (Publikum) mit einbeziehen; Kunst ist genau wie die Wissenschaft eine Methode um neue Muster in die Welt zu bringen. Wissenschaft macht das auf ihre Weise, indem sie beispielsweise in der Hirnforschung ein neues Gerät erfunden hat mit dem man in das Hirn hineinschauen kann und sehen was im Hirn eines Menschen los ist, wenn er sich ein Kunstwerk ansieht, oder mit dem rechten Arm wackelt, oder wenn er an seine Frau denkt. Und mit Hilfe dieser neuen Verfahren wird dann plötzlich etwas sichtbar, was man vorher nicht sehen konnte und dann entstehen plötzlich Widersprüche mit dem was man vorher nicht für möglich gehalten hat. Zum Beispiel dass da immer wieder was neues da oben (zeigt auf seinen Kopf) an Netzwerken entstehen kann, bis ins hohe Alter und dass da niemals Schluss ist und dass da niemand behaupten kann er sei am Ende seiner Entwicklung angekommen. Wie können wir das Potential, das da noch in uns steckt frei bekommen. Wie können wir von den eingefahrenen Autobahnen im Hirn herunterkommen? Wie kommen wir da noch einmal auf die kleinen Seitenwege, an denen es so richtig schön wird? Genau das macht Wissenschaft durch wissenschaftliche Methoden und das macht Kunst indem sie uns immer auch darauf hinweist, dass die herkömmliche Art und Weise wie wir etwas betrachten, möglicherweise nicht die einzige Art und Weise ist, wie man etwas betrachten kann.

Gert Gschwendtner <<Kunst ist Treibstoff fürs Gehirn>>

GG: Eine der Charakteristiken von Kunst ist es, dass Gefühle, Emotionen geweckt werden durch Farben, durch Formen, durch akustisch Ereignisse. Und diese geweckten Gefühle verführen einen dazu, Gedankengänge zu entwickeln. Selber zu denken was man da sieht, hört, riecht und spürt. Und diese Gedankengänge, dieses Nachdenken, wird dann immer wieder auf das Glatteis geführt in dem Sachen miteinander kombiniert werden, die oft scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Es verführt manche Menschen dazu zu sagen, ich versteh das nicht. Dabei geht es gar nicht ums Verstehen, sondern eigentlich darum, eine eigene Strategie zu entwickeln, um mit dem Spaß, den man anfangs gehabt hat, mit der Farbe, mit der Form, dem Gesicht, das man da gesehen hat, mit den Bäumen, mit der Landschaft, mit dem Strich, mit der Linie, sich selber etwas zu erfinden, sich selber eine Geschichte zu erfinden, die dann im eigenen Panorama, das man sowieso schon mitbringt, eine neue Szene eröffnet.

GH: Und das schöne dabei ist, dass der Gert eben auch schon das wichtigste gesagt hat, was in der Kunst stattfindet, wenn es denn stattfindet, nämlich, dass man emotional berührt ist. Es muss einem irgendwas unter die Haut gehen. Und das haben die Hirnforscher nun endlich auch herausgekriegt. Dass man vom Auswendiglernen von Telefonbüchern nichts neues ins Hirn kriegt. Es ist auch nicht so, dass das Gehirn wie ein Muskel ist, den man einfach nur trainieren kann. Wenn ich oft genug deine Bilder anschaue, dann nützt das auch nichts. Entweder es geht mir unter die Haut oder es passiert nie etwas. Es wäre das Anliegen von Kunst, dass etwas passiert, dass es uns unter die Haut geht. Und wie die Hirnforscher es nennen, die emotionalen Zentren in Gang bringt. Das sind diese wunderbaren Kerngebiete im Mittelhirn, die liegen in Nervenzellen auf einem Haufen und haben lange Fortsätze. Und an den Enden der Fortsätze kommen immer dann, wenn diese Dinger da aktiviert werden, wunderbare Botenstoffe raus, sie heißen neuroplastische Botenstoffe. Das ist sozusagen der ganz große Renner der Hirnforscher, den sie in letzter Zeit aufgetan haben, dass sie merken, dass man diese neuroplastischen Botenstoffe braucht, damit etwas neues passiert. Neuroplastische Botenstoffe sind wie Dünger fürs Hirn. Diese Botenstoffe können hinter den emotionalen Zentren liegende Nervenzellen bis ins Mark erschüttern und dann fangen diese an aus ihrem Zellkern von der DNA, der Erbsubstanz, ganze neue Eiweiße abzuschreiben, die sie bei manchen schon seit 20 Jahren nicht mehr abgeschrieben haben. Eiweiße, die man braucht, um neue Fortsätze zu bilden, Eiweiße die Nervenzellen brauchen, um neue Kontakte zu machen und neue Verknüpfungen herzustellen. So dass es immer dann, wenn einem etwas unter die Haut geht die Botenstoffe aktiviert werden.

Wenn ich mir ein Kunstwerk anschaue, das ich auf den ersten Blick nicht gleich verstehe und trotzdem die Begeisterung mich ergreift, dann geht im Hirn die Gießkanne an mit dem Dünger, dem Botenstoff. Dann kommt der Dünger raus und alles das, was ich dann in diesem Zustand im Hirn an Netzwerken aktiviere, die Freude über das Bild, die Farben, die ich sehe, die Figuren, die Formen, die ich da finde, die Assoziationen, die ich da habe, mich selbst, den ich da erlebe wie ich mich mit einem Kunstwerk auseinandersetze bekommt Bedeutung und wird als wichtig gespeichert. Bei Begeisterung werden im Hirn die aktivierten Netzwerke unter dem Einfluss dieses wunderbaren Düngers gedüngt. Das heißt, das Erfahrene bleibt dann auch hängen. Damit ist wirklich etwas passiert im Gegensatz zu diesem auswendig gelernten Zeug, das einem einer erzählt, wenn er erklärt was auf dem Bild zu sehen ist. Das führt nur selten dazu, dass es einem berührt.

Und jetzt ahnen sie, was ich da gemeint habe, dass man niemanden unterrichten kann. Es geht nicht darum, dass man das Wissen weitergibt. Manche wunderbaren Pädagogen oder vielleicht auch Künstler haben gesagt: Es geht nicht darum, dass wir die Kulturgüter von einer Generation zur nächsten weiterbringen, sondern dass wir in den Kindern die Begeisterung wecken, solche Kulturgüter hervorzubringen. Wenn das eine Gesellschaft nicht mehr kann, wenn eine Gesellschaft anfängt, ihre Begeisterungsfähigkeit für Kunst, für Kultur, für Natur, für das Miteinanderleben und das gemeinsame Gestalten und Entdecken, wenn eine Gesellschaft das verliert, dann ist sie tot, dann hat sie kein Morgen mehr, dann hat sie keine Zukunft mehr, dann ist sie einfach nur noch eine Truppe von Besitzstandwahrern. Menschen, die nur noch aufpassen, dass ihnen nichts mehr geklaut wird. Und wenn sie soweit gekommen sind, dann haben sie viel zu tun. Sie können das nicht festhalten, was sie im Leben so zusammengerappelt haben es gleitet ihnen ständig durch die Hände und sie haben deshalb unendlich viel zu tun und keine Freude mehr. Sie können nichts festhalten, es fliesst ihnen weg. Besitzstandwahrer haben ein furchtbares Problem. Es macht nichts mehr Spass und dann funktioniert man nur noch. Man gibt sich Mühe, so gut man kann, aber es macht einfach keinen Spaß mehr. Da kommt jetzt die Hirnforschung und die Kunst und sagen: Leute es gibt noch Möglichkeiten! Man müsste noch einmal loslegen, auch versuchen loszulassen. Besitzstandwahrer sind nicht nur diejenigen, die ihr Geld festhalten und ihr Häuschen und ihr Auto. Besitzstandwahrer sind auch die, die ihre Vorstellung festhalten, die an ihren einmal gewonnenen Überzeugungen festhalten. Ich bin in dieser DDR groß geworden, da haben wir viel Marx und Engels gelesen und mein Lieblingssatz, der mir von Marx noch im Kopf herumschwirrt heißt: „Ideen, also Vorstellungen innerer Überzeugung sind wie Ketten, derer man sich nicht entreißt ohne sein Herz zu zerreißen!“ Der hat es begriffen. Gerade der hat damals schon verstanden, wie sehr man an seinen blöden Vorstellungen hängen kann. Dass es einem das Herz zerreißt, wenn einer kommt und sagt, – Du wir können es auch mal anders machen. Die liebevollste Einladung, wie man umdenken kann, wäre indem man nicht sagt, das musst Du jetzt anders machen, sondern indem man ihm beispielsweise ein Kunstwerk zeigt, durch das plötzlich sein Blick aufgeht. Oder indem man ihm zeigt, was es an wunderbaren Dingen zu entdecken gibt im Bereich der Hirnforschung oder in anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Ich bin von Haus aus Biologe und mir fällt da ein Beispiel mit Lachsen ein, das sehr deutlich ist. Ich habe zu Hause in Göttingen einen Kollegen, ein Stressforscher, der macht Untersuchungen mit Lachsen.
Er hat sie entdeckt als etwas besonders interessantes.? Sie wissen ja, dass die Lachse, wenn sie laichen wollen aus dem Atlantik hoch in Flüsse und Bäche schwimmen. Mein Freund ist nach Kanada gegangen und hat Lachse beobachtet. Er hat gesehen, wenn sie oben ankommen, paaren sie sich und anschließend leben sie noch drei Tage und dann sind sie alle tot. Dann ist der ganze Fluss voller toter Lachse, was nicht schlecht ist, weil die jungen Lachse von den Flohkrebsen leben, die auf den verstorbenen Lachsen wachsen. Das ist von der Natur wunderbar eingerichtet und natürlich kommt sehr schnell die Idee, das sei ein genetisches Programm, an dem man nichts ändern könne. Dieser Kollege hat etwas völlig verrücktes gemacht, er ist eher ein Künstler, denn auf so eine Idee kommt kaum ein Wissenschaftler. Er ist hoch gegangen nach Kanada, an den Oberlauf dieser Flüsse, hat gewartet bis die Lachse kommen und hat sich einen Hubschrauber bestellt. Als die Lachse sich verpaart hatten fing er sie am nächsten Tag mit dem Käscher ein, drückte ihnen eine rote Marke in den Schwanz und hat sie dann mit dem Hubschrauber wieder zurück in den Atlantik geflogen. Dann ist er zurückgekommen nach Göttingen und hat gesagt, ich hab meinen Versuch gemacht, ich hab jetzt ein Jahr Freizeit. Im nächsten Jahr werte ich den Versuch aus. Im nächsten Jahr hat er geschaut ob es Lachse gibt, die einen rot markierten Schwanz haben. Und natürlich – die waren wieder da! Das heißt, die Lachse müssten nicht sterben, wenn sie da oben sind, sondern sie könnten auch gut weiterleben, wenn sie eine Chance hätten, aus dieser furchtbaren Situation herauszukommen, in der sie da gelandet sind. Und warum sind sie da gelandet? Jetzt wird es erst einmal interessant! Weil sie besessen sind von einer Idee, wie Marxens Ideen sind wie Ketten, und die Lachse wollten sich verpaaren. Und besessen von der Idee sind sie da hochgeschwommen, immerzu „ich will mich verpaaren….“ und dann waren sie am Oberlauf angekommen, haben sich verpaart und dann haben sie das erste mal seit drei Wochen um sich geschaut. Und da war das Wasser so flach, neben ihnen nur Lachse, nix zu futtern und das kann der tapferste Lachs nicht aushalten. Der bekommt Panik und dabei schwillt ihm die Nebenniere und er hat Stress bis zum umfallen und in drei Tagen ist er tot. Sie sterben also nicht wegen eines Programms, sondern sie sterben, weil sie sich in einer Idee verrannt haben. So jetzt wissen Sie, warum es gut wäre, wenn man als Mensch sich nochmal ab und zu daran erinnert, wie es einem gehen könnte wenn man Lachs wäre. Und dass es nicht dumm wäre, wenn man sozusagen bei dieser Art von Fortbewegung im Leben ab und zu Gelegenheit kriegt, links und rechts zu schauen….etwas sich anzuschauen was das Hochwaldlabor oder andere Künstler produziert haben und plötzlich guckt man drauf und dann geht die Welt auf. Dann darf man aus dem Lachsprogramm raus und das wünsche ich Ihnen.

GG: – Das heißt, ein Ziel vor Augen haben, eine Idee, sich ein Programm zu machen genügt nicht. Sondern es ist notwenig, immer wieder kreativ ein neues Programm zu entwickeln. Immer wieder neue Ziele zu entwickeln, immer wieder von diesem einen Hauptziel aus seine Umgebung zu beobachten und zu sehen, dass man nicht allein unterwegs ist auf seinem Fluss, kleineren Fluss bis zum Bach, wo man ausweglos mit den anderen, die auch nur sich selber gesehen haben mit ihrem Ziel und ihrem Programm zu Haufen im Stress sitzt und nicht mehr zurecht kommt, weil es keinen Ausweg mehr gibt.

GG: <<Es ist notwendig, immer wieder kreativ ein neues Programm zu entwickeln>>

GH: – Wir haben da mehr Chancen als die Lachse. Erstens sind wir nicht automatisch ein Opfer unserer Triebe und Instinkte. Man kann wenn man dem alten Freud gerne glauben will, mit seinem Ödipuskomplex das ganze Leben lang herumrennen. Oder mit irgendeinem anderen Trieb, aber im Grunde genommen ist das eine blöde Theorie. Dass man mit irgendwelchen Triebenergien herumläuft, die dann gestaut werden und dann abgearbeitet werden müssen.

GG: – Oder nach Konrad Lorenz mit einem Ventil abgefackelt werden.

GH: – Wenn man diese Vorstellung aus dem vorigen Jahrhundert bedenkt, die damals unser Verhalten erklärt haben, wird klar wie mechanistisch damals gedacht wurde. Zu Freuds Zeiten hatten sie gerade in der Physik das Energieerhaltungsgesetz gefunden. Freud hat gedacht, dass Triebenergie sozusagen erhalten bleibt und irgendwo muss Dampf abgelassen werden. Weil ich so einen Ärger irgendwo habe, muss ich das dann zu Hause meiner Frau antun. Oder sexuell: Man hat seinen sexuellen Trieb und weil der nicht abarbeitbar ist bei manchen, weil es gerade keine Gelegenheit gibt, dann geht der woanders hin. Dabei ist das so absurd. Jeder Mann weiß, dass man dadurch, dass man drei Wochen mit keiner Frau mehr schläft nicht Überdruck kriegt, sondern dass man es sozusagen verliert. Libido muss geübt werden. Das muss weiter in Gang gehalten werden. Sonst verschwindet es. So rum geht das Leben. Es gibt keine überschüssige Libidoenergie die irgendwohin muss. Wenn man seine Begeisterung am Leben nicht immer wieder selbst erlebbar macht, geht sie weg. Insofern haben wir als Menschen die Möglichkeit erstens nicht wie die Lachse hinter unseren eigenen Trieben hinterherzulaufen, sondern uns mit den Bedürfnissen und Wünschen und den Sehnsüchten, die wir haben, kritisch auseinanderzusetzen und zu fragen, was jetzt die richtige Zeit ist und was man alles in Kauf nehmen will, um jetzt etwas bestimmtes, was man in sich als Drängen verspürt auch wirklich erreichen zu wollen. Wir könnten nachdenken.
Das nennt man wissenschaftlich „Affektkontrolle“. Wir wären in der Lage nachzudenken, wie die Lachse das eben nicht können. Die müssen durch. Das zweite ist, wir hätten die Möglichkeit, das hast Du(Gert) schon gesagt, zuzuschauen und andere zu fragen. Ich könnte Sie fragen: Sind Sie auch ein Lachs? Haben Sie genau dieselbe blöde Idee oder sind Sie anders unterwegs? Oder man schaut sich jemanden an, der aus einer ganz anderen Welt kommt. Ein Künstler oder ein Wissenschaftler. Und wenn man dann merkt, Oh da gibt es noch welche, die anders unterwegs sind, da könnte man unter Umständen aus seinem Lachsprogramm raus. Also es gäbe viele Möglichkeiten, um ein aber doch schon fernes Ziel anzusteuern. Ich glaube nicht, dass es ohne Ziel geht. Ich glaube, dass wir uns da sehr geirrt haben, wenn wir denken, dass wir ein Leben führen könnten, das sich nicht in irgendetwas erfüllt.

GG: – Jetzt gibt es dieses Schlagwort: Der Weg ist das Ziel!

GH: – Hört sich gut an!

GG: – Hört sich flott an, aber was steckt da dahinter? Der Weg ist die Verbindung zum Ziel. Ich lass mein Ziel aus den Augen und erwarte vom Weg, das er mir ein Ziel schenkt. Heißt es: Der Weg schenkt mir wie ein magisches Auge ein Ziel, mit dem ich dann glücklich bin?

GH: – Ich glaube, was die da sagen, der Weg ist das Ziel – es geht um etwas ganz besonderes und das wird es auch wohl sein, was uns ein Leben lang beschäftigt. Das was wir selbst erkennen müssen. Man kommt dadurch, dass man läuft, dass man sich in der Welt bewegt, dass man auf andere zugeht, dass man sich dem Leben stellt, nur so kommt man zu Erfahrung. D.h. man muss sich bewegen, sonst kommt nix rein. Und dann kommt man vor allen Dingen nicht zu sich. Wer immer nur sitzen bleibt, der wird also dann lange nachdenken und kommt nie bei sich an. Wir müssen raus, sofern heißt es nicht der Weg ist das Ziel sondern Selbsterkenntnis. Erkenne Dich selbst! Das wäre das Ziel, aber das steht ja schon in Delphi.

GG: – Wird aber immer noch zitiert. Picasso hat so um 1905 die Idee gehabt, das Dasitzen und Schauen und Abmalen scheint mit der Zeit keine Freude mehr zu machen. Es haut niemanden mehr vom Sockel und begeistert niemanden und er kriegt die Relativitätstheorie von Einstein in die Finger und liest die. Ist begeistert und merkt, Relationen sind etwas Wesentliches.

GH: – Beziehungen

GG: – Beziehungen. Das Objekt und der Künstler sind in einem Beziehungsverhältnis miteinander und was macht er? Er steht auf und geht um das was er malen will herum und merkt sich das, was er gesehen hat und bringt das, was er im Gehen beobachtet hat, auf ein Tableau und kopiert es zusammen zu einer merkwürdigen Art von Übersicht von Erkenntnisabbildung und nennt das Kubismus. Die kubische Wirklichkeit versucht er zu erfassen und umzusetzen. Das Wesentlich ist, er geht drum rum. Und dieses Drumrumgehen versucht er einzufangen, versucht begreifbar zu machen, dass die Beziehung zum beobachteten etwas Grundsätzliches und Wesentliches ist. Und dass sie eben nicht etwas statisches ist, was vor mir steht wie in einer Guckkastenbühne und abläuft, sondern dass ich selber etwas dazu tun muss, dass diese Szene stattfindet. Das heißt mein Zutun zur Existenz des Bildes ist eine grundsätzliche Aktivität ohne die das Bild nicht existiert.

GH: – Und der Betrachter, der sich nicht zum Bild in eine Beziehung bringt, sieht das Bild nicht. Das Bild entsteht erst durch das Inbeziehungsetzen. Das Bild kann überhaupt nur jemanden erreichen, der sich dazu in Beziehung setzt. Und da sind wir wieder bei der Neurobiologie, weil das was wir im Hirn beobachten, ist alles nur eine Beziehung. Das sind Beziehungen zwischen Nervenzellen. Manchmal wird so getan, als sei das Hirn so eine Art Suppenschüssel mit allen möglichen Hormonen und Transmittern. Steigt der Serotoninspiegel wird man glücklich und wenn der Oxytozinspiegel steigt, dann kommt das Bedürfnis nach Nähe und Dopamin würde die Neugier treiben. Die Leute haben dann schon fast das Gefühl, jetzt müssen wir nur eines dieser Botenstoffe im Hirn in die Höhe treiben, dann würde alles schon werden. Ich glaube, das ist eine ganz platte und primitive Vorstellung aus dem vorigen Jahrhundert. Das was im Hirn nun wirklich stattfindet, das können Sie sich am ehesten vergegenwärtigen, indem Sie sich das Gehirn als ein Beziehungssystem vorstellen, wie eine Familie oder ein ganzes Unternehmen oder eine Stadt wie diese hier. Da finden Beziehungen statt im Hirn zwischen Nervenzellen wie hier in der Stadt zwischen Menschen. Sowie wir hier im Moment versammelt sind entstehen bestimmte Beziehungsmuster. Dabei sind alle mit bestimmten eigenen Vorstellung unterwegs. Das hängt zusammen mit dem Frontalhirn. Dort liegen die inneren Überzeugungen, mit denen man ein bisschen nach vorne schaut, wo man ein bisschen sucht, was es noch alles in der Welt gibt und wo man sich nach Orientierung bemüht, wo man Handlungen plant und die Folgen von Handlungen abschätzt. Das wären also solche Beziehungsmuster, die zwischen Nervenzellen in diesem Frontalhirn aufgebaut werden. Es geht darum, dass man im Laufe seines Lebens durch Kunst, durch Wissenschaft, durch sehr viele Erfahrung, die man in unterschiedlichsten Lebenslagen macht, im Hirn diese Beziehungserfahrungen in Nervenzellmusterbeziehungen umsetzt. Das was man an lebendiger Beziehung erlebt hat, manifestiert sich oder strukturiert sich im Hirn in Form eines Beziehungsmusters zwischen den Nervenzellen. Je mehr ich in der Lage bin, mich in Beziehung zu setzen zu Kunst, zu Wissenschaft, zu meinem eigenen Körper, zur Natur, zu Menschen, je besser ich bin ich in der Lage, mich mit ganz unterschiedlichen Bereichen in Beziehung zu setzen. Desto komplexer wird das Beziehungsmuster, das in meinem Hirn entsteht. Das Ergebnis davon ist, dass wenn man komplexere Beziehungsmuster im Hirn hat, man umsichtiger und weitsichtiger sein eigenes Leben gestalten kann. Wer ein sehr einfaches Hirn hat und nur drei Beziehungen und drei Autobahnen drin hat, der rast dann eben immer nur auf diesen drei Autobahnen rum. Er sitzt dann Sonntags vor dem Fernseher und schaut die Bundesliga. Am Samstag geht er Biertrinken und am Montag geht er arbeiten. Mehr hat er nicht im Hirn.

GG: – Du hast gerade die Beziehungswirklichkeiten angesprochen..

GH: – Die Vielfalt…

GG: – Die Vielfalt, die Wirksamkeiten. Die Beziehungen werden aber wirksam über Kommunikation

GH: – und wenn sie unter die Haut gehen. Dadurch dass wir immer miteinander schwatzen tut sich immer noch nichts. Wir müssen uns mögen. Das wäre besser. So wie wir beide. Wenn man nicht in diese Zustände der Empathie kommt geschieht nichts. Kommunikation per se ist albern. Wenn ich nicht weiss wofür ich kommuniziere und den anderen gar nicht leiden kann, ist alles Geschwätz. Das nennen die Amerikaner gossip. Man muss schon sich auf den anderen einlassen. Man muss versuchen, ihm in Augenhöhe zu begegnen. Man muss sehen, ob der nicht einer ist, in dem etwas verborgen ist, was man auf den ersten Blick gar nicht so findet. Im Grunde genommen könnte man sagen, man müsste einen anderen Menschen wie ein Kunstwerk betrachten, in dem etwas herauszufinden ist, wenn man sich damit in Beziehung setzt.

Das ist toll, wenn der alte Beuys sagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Dann könnte man auch sagen: Jeder Mensch ist ein Kunstwerk.

GG: – In seiner Idee der sozialen Plastik meint er eigentlich auch so etwas. Die soziale Plastik als Gemeinschaftswerk aller, die Freude daran haben, die begeistert sind, gemeinsam eine Gesellschaft aufzubauen, die lebenswert ist. Das ist für ihn die vollendete soziale Plastik. Damit wird jeder zu einem Teil dieses grossen Kunstobjektes der sozialen Plastik. Dieses WIR…

Prof. Gerald Hüther und Gert Gschwendtner im Gespräch

GH: - Neben der Tatsache, dass es dieser Begeisterung bedarf, damit sich etwas ändert ist dies, das allerinteressanteste, was diese Neurobiologie zutage gefordert hat und was eben schon Beuys und vor ihm viele andere herausgefunden haben: dass wir unsere Potentiale gar nicht allein entfalten können. Ich alleine hätte doch nicht einmal sprechen gelernt. Ich alleine hätte nicht gelernt, dass man auf zwei Beinen laufen kann. Ich könnte nicht lesen, nicht schreiben, nicht Fahrrad fahren, ich könnte auch nicht hier sitzen und mit Dir reden. Das ist alles ein Ergebnis von hilfreichen Beziehungen, in denen mir andere Menschen etwas geschenkt haben. Die mich eingeladen haben, ermutigt und inspiriert haben, manchmal auch ein bisschen gezwungen haben, mich mit bestimmten Dingen auseinanderzusetzen, in eine Beziehung zu gehen und aus diesen Beziehungserfahrungen in meinem Hirn Beziehungsmuster aufzubauen. Deshalb ist es völlig absurd, wenn man meint, es gäbe einen Menschen allein. Deshalb ist dieser menschliche Egozentrik, mit der wir hier unterwegs sind, eigentlich eine völlige Fehlentwicklung. Es ist wie die Lachse, so blöd kann man unterwegs sein und kann sich einbilden, wir würden als Einzelne existieren können. Wir können nicht nur gar nicht existieren, wir können unsere Potentiale gar nicht entwickeln. Deshalb geht es genau wie bei Beuys, er nennt es soziale Plastik, wir in der modernen Hirnforschung würden sagen: Was wir brauchen sind Zustände, sind Bedingungen, in denen Menschen, Kinder vor allem, die Erfahrung machen können, wie schön es ist, wenn sie gemeinsam etwas entdecken können. Wenn sie gemeinsam etwas gestalten dürfen oder noch schöner, wenn sie sich gemeinsam um etwas kümmern können, dann entsteht Sinn. Wenn das nicht mehr existiert in einer Gesellschaft, wenn jeder nur noch seinen eigenen Mist macht, dann passiert das, was die Lachse machen. Dann ist jeder nur noch mit seinem Programm unterwegs bis er stirbt. Früher waren es die Manager, die ihre Burn-Outs bekommen haben. Jetzt sind inzwischen die Grundschüler soweit, dass sie mit Managerkrankheiten und burnouts zugrunde gehen, weil wir sie in diese Vereinzelungsprogramme hineinwerfen. Weil wir ihnen keine Gelegenheit geben, im Kindergarten und in der Schule die Erfahrung machen zu können, wie schön es ist, wenn man sich gemeinsam um etwas kümmert. Wenn man gemeinsam etwas gestaltet. Wenn man jetzt fragt, wo passiert denn das? dann fängt es wieder an spannend zu werden. Das passiert dann wenn sie gemeinsam singen. Das passiert dann, wenn sie gemeinsam etwas bauen, wenn sie gemeinsam künstlerisch etwas gestalten, wenn sie gemeinsam Theater spielen, wenn sie gemeinsam im Wald etwas entdecken. Aber es passiert niemals beim frontalen Unterricht. Das heisst, das ist Kunst, dass man andere Menschen einlädt, sich auf diese gemeinsame Entdeckungsreise zu begeben. Und nicht nur zu entdecken, sondern dann wenn man etwas entdeckt, sich auch auf den Weg machen um es gemeinsam umzusetzen.

GG: – Das heisst, notwendig ist, dass man selber etwas in die Hand nimmt. Den Mut aufbringt, selber sein eigener Paradiesgartendirektor zu werden. Indem man aber weiss, dass das Paradies kein zoologischer Garten ist, in dem man allein rumsteht, sondern dass das wir alle zusammen schon drin sind.

GH: – Dass wir in der heutigen Zeit, das wäre auch noch richtig zu bedenken. Dass man in der heutigen Zeit eigentlich andere Menschen ermutigen muss, sich nicht in diese Anpassungen hineinzubegeben. Sich nicht funktionalisieren zu lassen, nicht so genormt werden zu wollen oder gar noch besser als alle anderen zu sein. Sondern worum es heute geht, ist eigentlich die Wiederentdeckung der Vielfalt. Da sind wir wieder bei der Kunst, die Wiederentdeckung dessen, was wir mal Eigensinn genannt haben. Das der Einzelne sich als Musterbrecher auf den Weg gemacht hat, den Mumm in der Hose hat und sagt: Ich mache diesen Unsinn jetzt nicht mehr mit. Das wäre solide, das wäre gut. Denn nur wenn wir solche Einzelne haben, die diese Kraft haben gegen den Strom zu schwimmen, wird es auch andere geben, die bemerken, dass man überhaupt noch in eine andere Richtung schwimmen kann. Was wir im Augenblick machen ist – wie die Lachse – alle in dieselbe Richtung zu schwimmen.

© Hochwaldlabor 2016
zurück nach oben