immaterielle Qualitäten der Architektur

neben den messbaren und begreifbaren, also anschaulichen qualitäten zeigt architektur auch qualitäten, die sich der direkten anschaulichkeit entziehen |

diese qualitäten sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich auf empfindungen und gedankliche konstrukte beziehen |

diese qualitäten sind produkte unseres gehirns und damit subjektiv und von der jeweiligen konstitution einer person abhängig |

trotzdem sind diese immateriellen qualitäten ein wesentlicher teil des gesamten eines architektonischen ensemlbes |

aufgrund gemeinsamer erfahrungen und deren bewältigung entwickelt sich in engeren gemeinschaften ein gemeinsames verständnis | es entwickelt sich eine übereinkunft wie verschiedene ereignisse beurteilt werden sollen und wie entsprechend der gemeinsamen konvention gehandelt werden soll |

der umgang mit architektonischen gebilden ist ebensolchen verständnisweisen und verhaltensnormen unterworfen |

solche konventionen werden eingeübt von früher kindheit an und werden im denken so verankert, dass ein reflexartiges handeln nach diesen konventionen möglich wird | jemand muss also nicht lange nachdenken um die verhaltensnormen zu erfüllen und kann so der situation entsprechend schnell und selbstverständlich handeln | damit ein problemloser umgang in einer gemeinschaft möglich ist müssen viele situationen gewissermassen gedankenlos beurteilt werden und es müssen bedeutungen zugewiesen werden |

streckt mir ein europäer seine rechte hand entgegen, so muss ich nicht lange überlegen und reiche ihm meine hand zum gruss, wenn auch ich das europäische grussmuster als verhaltensmuster in meinem repertoire habe | mein gehirn erkennt sofort die bedeutung der geste und veranlasst die entsprechende antwortgeste ohne cognitiven prozess | manche bedeutungen sind wesentlich komplexer und verlangen differentiertere handlungsweisen unter benutzung des instrumentellen, cognitiven denkens |

  • was sind bedeutungen,

sowie ihre struktur und ihr stellenwert

persönlich und sozial

der begriff der bedeutung eröffnet ein weites feld an verständnismöglichkeiten |

linguistisch gesprochen ist bedeutung ein wortfeld |

zumindest zwei pole des verständnisses von bedeutung sind auf diesem feld auszumachen |

zum einen: die bezeichnung des sinngehaltes eines zeichens (auch akustischer natur)

zum anderen: die gewichtung eines phänomens – die wichtigkeit

in der umgebung dieser verständnispole sind weitere begriffe angesiedelt, die mit dem wort bedeutung abedeutungssoziativ verknüpft sind :

der sinn, die auslegung, die tragweite, das hinweisende, das aufzeigende, das erklärende, das hervorhebende, das herausragende, die beschaffenheit, der wert, die hierarchische stellung, das worauf gedeutet wird aber auch das was deutet, der gehalt eines wortes oder eines zeichens, die information aufgrund einer konvention, die benennung, die identifikation einer inhaltsmenge, der stoff der kommunikation, die basis für information, … etc.

eine ganze wissenschaftssektion, die semantik als teilbereich der linguistik hat sich um diesen begriff entwickelt und wird häufig als bedeutungstheorie übersetzt | auch ein weiterer wissenschaftlicher zweig der linguistik geht von der bedeutung aus, die zeichentheorie oder semiotik |

bedeutungen existieren nicht aus sich heraus, oder wachsen quasi aus den dingen selbst heraus | bedeutungen sind eigenschaften, die jeder phänomenen zuordnet | kulturen sind verhaltensformen, die konventionen zu bedeutungen vereinbart haben |bedeutungen sind kulturelle werkzeuge |

zuerst werden geräuschen und visuellen erscheinungen bedeutungen zugeordnet | eine weiche stimme mit vielen untertönen gleichzeitig zur nahrungsaufnahme wird bald mit der bedeutung der beruhigung belegt und später als solche gelesen |merkwürdige hüte mit schräger rundung, die den oberen kopf bedecken und nach vorne steil nach oben ragen, gleichzeitig einen kleinen halbmondartigen schild leicht nach unten vorweisen, haben wir als uniformmütze gelernt mit der eine gewisse vorsicht verbunden wird |

dann werden die bedeutungszusammenhänge komplexer und immer komplexer je mehr erfahrungen gemacht und untereinander bedacht werden |

unsere gesamte wahrnehmung ist darauf ausgerichtet für unser körpersytem bedrohliche oder angenehme situationen zu erkennen | das heisst impulse, die unser nervensystem erreichen nach bedeutungen hin abzufragen | die summe der erfahrungen, die jeder macht nennen wir meist wissen dieses wissen ist die basis für die identifikation von bedeutungen |* bedeutungen* in bezug auf unsere direkten bedürfnisse sind als unsere persönlichen anzusehen | bedürfnisse, die über unsere umgebung befriedigt werden müssen müssen wir als soziale bezüge ansehen | so ergibt sich der direkte hunger als sehr persönliche wichtigkeit und die zufriedenheit aus der freundlichkeit anderer uns gegenüber als soziale sinngebung |

der begriff bedeutung zeigt uns in seiner struktur die abhängigkeit von konventionen und von einzelnen personen, sowie sozialen gruppen | bedeutungen sind grundbausteine sozialen verhaltens |

ihre komplexeste ausprägung erfahren sie in gestalterischen bereichen, da die konventionen sehr eng an erfahrungen in der nahen umgebung geknüpft sind | was zuhause fraglos verstanden wird führt bereits am stammtisch zu konfusionen und erst recht im parlament | kunst und architektur leben im dilemma, von konventionen abhängig zu sein, jedoch gerade neues unkon-ventionelles verständnis vorantreiben zu wollen | missverständnisse sind also programmimmanent |

in bezug auf unsere schule sind erlernte muster dafür verantwortlich, dass wir das formale programm lesen können | einzelne formale elemente, wie symmetrien, treppenaufgang, hohe schmale fenster, walmdach, und noch vieles mehr entspricht dem repertoire einer k.u.k. schule des endes des 19. jahrhunderts | architekturen haben immer eine programmatische form, ob das dem erbauer bewusst ist oder nicht | form transportiert immer eine bedeutung und sei es nur die der form selbst wie beim formalismus oder kitsch |

© Hochwaldlabor 2016
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